(V)erklärende Literatur

22. Januar 2026

Seit jeher prägen Geschichten und Texte das Denken des Menschen, doch moderne Literatur geht dabei weit über reine Unterhaltung hinaus. 

Lange Zeit war Literatur ein Mittel, um die Welt verständlicher zu machen. Sie diente als Medium, durch das Prozesse in der Welt sichtbar gemacht und erklärt wurden. Figuren handelten aus nachvollziehbaren Gründen, Erzähler*innen ordneten die Geschehnisse ein, und der Leser oder die Leserin folgte einer klaren Deutung. Im Deutschunterricht zur literarischen Moderne wurde deutlich, dass dieses Erzählen um 1900 erstmals grundlegend infrage gestellt wurde. Moderne Texte verzichten zunehmend auf Erklärung und setzen stattdessen auf Irritation. Am Beispiel des Werks "Der Process" von Franz Kafka soll gezeigt werden, wie sich dadurch nicht nur das Erzählen selbst, sondern auch die Wahrnehmung und Rolle des Lesers verändern.

Im Deutschunterricht haben wir als Klasse intensiv das Thema traditionelle und moderne Literatur behandelt, die zentralen Merkmale der literarischen Tradition und der Moderne erarbeitet und deren Wirkung auf den Leser analysiert. Im Fokus stand dabei stets die Frage nach dem Sinn. Während die traditionelle Literatur eine sinnstiftende und erklärende Funktion hat, weist die Moderne eine verwirrende und undurchsichtige Struktur auf.

Traditionelle Literatur ist durch Klarheit und Orientierung gekennzeichnet. Ein Erzähler vermittelt Informationen, erklärt Ursachen und Motive und stellt einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Ereignissen her. Der Leser kann das Geschehen verstehen und einordnen. Literatur erfüllt hier eine erklärende und ordnende Funktion. Dabei bleibt die Frage nach möglichen Interpretationsmöglichkeiten meisst aussen vor. Erzielt wird dies durch sogenannte Strukturelemente. Beispielsweise ist die Figur in der Tradition fest. Das heisst, die Figuren sind durch einen stabilen Charakter bestimmt, der einheitlich und von gewisser Dauerhaftigkeit ist. Sie ist Ausdruck eines bestimmten Menschenbildes, in dem sich der Glaube an die Individualität des Menschen spiegelt. Die Figur gilt in der Tradition als das alles dominierende Strukturelement.

Demgegenüber verzichtet moderne Literatur häufig auf eindeutige Erklärungen. Erzähler sind unzuverlässig oder zurückhaltend, Handlungen bleiben fragmentarisch, und Sinnzusammenhänge werden nicht explizit benannt. Diese Form des Erzählens spiegelt eine Welt, die als unsicher und nicht mehr vollständig erklärbar erfahren wird. Im Gegensatz zur traditionellen Literatur ist die Figur in der Moderne zweifelhaft und unzuverlässig. Sie weist Tendenzen zu Identitätsverlust und Entpersönlichung auf. Die Figur ist stark von ihrem sozialen Umfeld geprägt und erscheint dabei widersprüchlich sowie von inneren Trieben geleitet. In ihrem Charakter, Wollen und Handeln ist sie in gesellschaftliche Strukturen verstrickt und deren Zwängen und Hierarchien ausgeliefert.

Ein Beispiel dafür ist Franz Kafkas Roman Der Process. Die Hauptfigur Josef K. wird verhaftet, ohne den Grund dafür zu erfahren. Weder ihm noch dem Leser werden klare Erklärungen geliefert. Die Abläufe bleiben undurchsichtig, die Zuständigkeiten unklar. Dadurch wird der Leser gezwungen, Sinn zu suchen, ohne ihn je eindeutig finden zu können, was ein typisches Merkmal des irritierenden Erzählens der Moderne. Ausserdem bietet die traditionelle Literatur viele Wege zur Interpretation. Meist ist es schwierig eine eindeutige Interpretation zu finden.

Auch in der heutigen Welt spielt irritierendes Erzählen eine wichtige Rolle.

Der Grund, warum irritierendes Erzählen eine zeitgemässe Erfahrung spiegelt, liegt darin, dass viele Menschen im heutigen Alltag eine permanente Informationsflut erleben: Nachrichten, soziale Medien, Kommentare, persönliche Eindrücke, Plakate und schulische Weiterbildungen. Diese Informationen liefern gleichzeitig unterschiedliche, oft widersprüchliche Deutungen derselben Ereignisse. Klare Erklärungen sind selten; stattdessen stehen verschiedene Perspektiven einander gegenüber oder widersprechen sich sogar.

Wie auch in der literarischen Moderne gibt es keine verlässliche und zentrale Instanz mehr, die Sinn verbindlich und eindeutig erklärt. Orientierung entsteht nicht durch eine klare Erzählung, sondern durch Auswahl, Bewertung und Einordnung in unterschiedliche Themenbereiche. Diese Situation ähnelt strukturell dem irritierenden Erzählen moderner Literatur.

So wie moderne Texte auf einen erklärenden Erzähler verzichten, verzichtet auch der Alltag zunehmend auf klare narrative Ordnung. Informationen stehen nebeneinander, ohne automatisch einen sinnvollen Zusammenhang zu bilden. Jeder Einzelne muss selbst entscheiden, welche Informationen relevant sind, welche Deutung plausibel erscheint, und welche Fragen offenbleiben. Der Leser oder die Leserin muss sich selbst orientieren und wird nicht geführt. Durch diese Informationsflut wird ebenfalls verlangt, dass ein Individuum auch selber denkt. Informationen müssen verarbeitet werden und die Meinung zu einer bestimmten Sache selber gebildet.

Irritierendes Erzählen ist jedoch keine Zumutung, wie es im ersten Moment scheint, sondern dient als Vorbereitung. Wer lernt, literarische Unsicherheiten auszuhalten, übt zugleich eine Fähigkeit, die im Alltag immer wichtiger wird: Unsicherheits- und Ungewissheitstoleranz, also das Aushalten von Mehrdeutigkeit.

Die Wahrnehmung des Lesers oder der Leserin verändert sich funktional, wenn Literatur nicht mehr erklärend, sondern irritierend ist. Der Leser oder die Leserin wird darauf vorbereitet, sich in der modernen Welt zu orientieren, in der Sinn nicht vorgegeben ist, sondern aktiv hergestellt werden muss.

Da die heutige Welt von Unsicherheiten, Beschleunigung und Komplexität geprägt ist, gibt es kaum noch einfache Antworten. Gesellschaftliche Fragen wie der Klimawandel, soziale Ungleichheit oder politische Konflikte lassen sich nicht mehr eindeutig erklären. Stattdessen existieren zahlreiche Perspektiven und Deutungen nebeneinander, die sich teilweise widersprechen. Genau wie in der modernen Literatur muss der Einzelne lernen, mit dieser Ungewissheit umzugehen und sich ein eigenes Bild zu bilden. Schlussendlich kann festgehalten werden, dass moderne Erzählweise die Reife sowie das Urteilsvermögen jedes einzelnen Individuums fördern.

Bild: ChatGPT